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Verzeihen beginnt bei dir selbst

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Eine Innenschau mit dem Medizinrad des Verzeihens / Wie sich Ressentiments und Selbstvorwürfe heilen lassen

Von Sabina Tschudi

Innehalten, sich einen Moment der Stille gönnen, und in die inneren Spiegel schauen ist ein lebenslanger Prozess des Sich Entfaltens, ein Prozess der Selbstliebe auch. Viele Fragen können uns nach innen leiten, eine der Wichtigsten ist die Frage des Verzeihens und Versöhnens.

Wo und wie haben wir unsere Herzenswünsche nicht gelebt? Was haben wir uns selbst zu verzeihen? Wie können wir dies bereinigen, so dass wir uns selbst verzeihen, was wir nicht gelebt haben? Damit wir dann mit frischem Elan weiter gehen können?

Wir sind gut beraten, immer wieder unsere Erfolge zu feiern und für das Erreichte zu danken. Und wir sind gut beraten, auch unsere Ressentiments anzuschauen, unsere nicht erledigten Geschichten, unsere Verhärtungen und Vorwürfe an andere und an uns selbst. Und – natürlich! – wie wir uns daraus befreien können. Zwei wirkungsvolle Möglichkeiten sind tief gehende Körperarbeit wie in der Entpanzerung und das Denken in Medizinrädern aus dem indianisch-schamanisches Wissen.

Verzeihen muss immer beinhalten, vom Gewesenen zu lernen. Es kann niemals nur ein gesprochenes Wort sein wie “Okay, fein, lassen wir´s gut sein, alles in Ordnung”. Damit hat sich energetisch in uns rein gar nichts erledigt. Verzeihen wird immer eine Reflektion, eine Verarbeitung, ein Lernen beinhalten müssen – und auch ein Verzichten darauf, sich das Recht herauszunehmen, weiter beleidigt oder ärgerlich oder verletzt zu sein. Das heißt: Bereit zu sein, die Dinge tatsächlich gut sein zu lassen, wenn sie gut sind, anstatt an bestimmten Geschichten zu haften.

Wenn wir davon reden, dass Ressentiments bei uns anfangen – und zwar dort, wo wir unsere Wünsche nicht in aller Fülle in die Welt gegeben haben – wird auch das Verzeihen bei uns selbst anfangen müssen. Anderen zu verzeihen ist vielleicht großherzig, gelingt möglicherweise auch recht einfach – aber dir selbst zu verzeihen? Dies ist in aller Regel die größere Herausforderung. Das Rad des Verzeihens unterstützt uns dabei.

Wir beginnen im Südosten. Er nennt sich “Angriff auf den Charakter und Angriff auf die eigene Individualität“ und ist eine erste Anregung zur Innenschau. Wovor und wie habe ich mich dieses Jahr gedrückt? Habe ich etwas nicht ins Leben gegeben, habe mich so in Frage gestellt, dass ich meinen Charakter und meine Individualität angegriffen habe? An mir gezweifelt und mich unattraktiv gefunden wider besseres Wissen? Und das ist nicht nur im sexuellen Sinne gemeint, sondern im Sinn eines attraktiven Mitspielers fürs Leben.

Im Uhrzeigersinn geht es weiter in den Süden. Er nennt sich “Partner und bedeutsames Gegenüber“. Damit sind Paar- oder Partnerschaftsbeziehungen genauso gemeint wie sehr bedeutsame Menschen, die uns gegenüberstehen. Hier im Süden geht es um viel Zwischenmenschliches und wo wir uns nicht trauen. Wir schauen wir uns an, wo wir unserer Selbst so unsicher waren, dass wir uns unserem Gegenüber nicht mehr offenbart haben, auf Halbmast gegangen sind – ein bisschen Präsenz musste genügen. Wo haben wir Partnerschaften vermieden, obwohl wir vielleicht Partnerschaften suchten? Wo waren wir uns unserer selbst so unsicher, dass wir Sexualität vermieden haben?

Viele von uns kennen diese Frage: “Bin ich denn überhaupt noch für einen Partner zumutbar, bin ich denn nicht zu dick, zu dünn, zu alt, zu jung, zu dumm, zu gescheit …?“ Plus die immer wieder neuen Versionen davon. Und dieses Denken bezieht sich auf deinen Partner, deine soziale Gemeinschaft, deine Freunde.

Der Südwesten nennt sich “Grenzübertretungen und Verletzung von Verpflichtungen“.
Grenzübertretungen: Wo habe ich nichts gesagt, so dass ein Anderer meine Grenzen übertreten hat? Wo habe ich mich nicht getraut, meine Grenzen ganz klar zu setzen? Und prompt wurden sie übertreten, weil sie für die Anderen nicht wahrnehmbar waren.

Wo habe ich meine eigenen Grenzen nicht respektiert? Bei Pubertierenden ist das sehr häufig zu beobachten. Beispielsweise in der Sexualität werden die eigenen Grenzen oft total übertreten, aus der Unsicherheit, überhaupt Grenzen setzen zu dürfen. Wer das tut, ist ja vielleicht nicht mehr attraktiv für die Clique, für den ersten, zweiten, dritten Freund oder Freundin. Das gilt jedoch längst nicht nur für Jugendliche, sondern genauso für Erwachsene.

Der Begriff Verpflichtungen steht im Südwesten auch im weiteren Sinne für Versprechen. Es geht also nicht nur um all das, wo wir uns verpflichten müssen, sondern auch um all die Bereiche, in denen wir uns selbst ein Versprechen gegeben haben. Wo waren wir uns zu wenig lieb und wert und haben dadurch Verpflichtungen oder Versprechen gebrochen? Wo war es uns nicht wert, dass Andere ihr Versprechen mit uns halten? Wo waren wir nicht klar in unseren Wünschen und Sehnsüchten dem Leben gegenüber – und haben dadurch mitgeholfen, dass Verpflichtungen, Versprechen, Verträge mit uns nicht gehalten wurden?

Westen: Tod
Wo war ich meinen Herzenswünschen nicht treu und habe übersehen, dass ich nicht 500 Jahre Zeit habe, vielleicht doch einmal diesen wichtigen Schritt zu machen? Wo wird der Tod für mich zum Feind, der mich holt, bevor es Zeit ist, weil ich meine Zeit verplempert habe? Was habe ich mir an Trödelei zu verzeihen, weil ich mich einfach nicht getraut habe aus Mangel an Zutrauen zu mir selbst?

Nordwesten: Karma
Karma ist ein Begriff aus den östlichen Traditionen. Es gibt auch ein Wort in der Tradition der Twisted Hair, aber wir bleiben bei Karma, weil es jeder versteht. Wo habe ich im zurückliegenden Jahr in alten Gewohnheiten verharrt, anstatt zu neuen, besseren Ufern aufzubrechen?

 

Norden: Eltern
Wo war ich mangels Kontakt zu meinen Herzenswünschen nicht klar im weiten Feld der Eltern-Kind-Beziehung? Wo habe ich mich meinen eigenen Eltern gegenüber nicht offenbart? Wo habe ich mich meinen Kindern gegenüber nicht klar mitgeteilt? Wo und wie bin ich mit dem Thema Mutterschaft oder Vaterschaft nicht klar gewesen, weil ich mich nicht traue, mich ganz ins Leben zu geben? Sehr direkt im physischen Sinne, wenn ich unterwegs bin mit der Frage Kinder zu bekommen oder nicht. Aber auch indirekt, wenn ich mit Fragen im erweiterten Sinne von Elternschaft beschäftigt bin: Elternschaft zu übernehmen für ein Projekt, für einen Gedanken, den ich austrage, gebäre, manifestiere, dem ich Form verleihe.

Nordosten: Tyrannen
Wo habe ich mich nicht getraut, wirklich ja zu sagen zum Leben, und bin dadurch mein eigener Tyrann geworden? Wo habe ich mich regelrecht verfolgt, mich gegeißelt, auf mich eingedroschen, auf mich eingeredet, auf mich eingeschimpft? Wo habe ich das von anderen zugelassen, so dass mir das von außen widerfuhr, ich regelrecht den Raum verloren habe und in Stress gekommen bin, weil ich in einen Zustand des Nicht-Genährt-Seins kam?

Osten: Betrug und Verrat
Wo habe ich mir nicht zugestanden, vollherzig zu leben und mich hier im Osten um eine Erweiterung in meinem Leben betrogen? Wo habe ich mich selbst betrogen, indem ich mir Wachstum, Entfaltung nicht zugestanden habe? Wo war ich zu schüchtern, kam mir zu schlecht vor, um für mich in Anspruch zu nehmen, was mir eigentlich den nächsten Schritt, die nächste Begeisterung, die nächste Lebenslust, aber auch das nächste Lebenslernen beschert hätte?

 

Soweit die Fragen des Medizinrads. Sie liefern reichlich Stoff für die Selbstreflexion. Natürlich wollen wir das, was wir dieses Jahr noch ändern können, nicht mit ins neue Jahr nehmen – es geht darum, uns selbst zu verzeihen. Dies bedingt mehrere Schritte. Zunächst einmal bereitwillig hinzuschauen, was denn wirklich gelaufen ist. Das heißt nüchtern hinzuschauen, objektiv hinzuschauen. Wir finden nie die Wahrheit, wenn wir aus dem schimpfenden Tyrannen hinschauen und uns schon belästigen oder bedauern, bevor wir unsere Geschichten tatsächlich anschauen.

Es bedingt weiterhin die Bereitschaft sich zu fragen, was es jetzt zu integrieren gibt, so dass ich es nächstes Jahr anders mache. Was kann ich mir tatsächlich vornehmen? Wie anders will ich es machen?

Und dann geht es auch noch darum, bereit zu sein, den Schmerz und die Trauer über das Verpasste loszulassen und ein Licht für eine bessere Zukunft zu sein. Sozusagen ein Licht in die Zukunft zu senden. Kleine Rituale – zum Beispiel in einer schönen Nacht eine Kerze nur für dich und dein Dir-Verziehen-Haben zu entzünden - können dich darin sehr unterstützen.

Zugegeben: Die innere Arbeit mit dem Rad des Verzeihens ist aufwändig. Aber sie bringt auch wertvollen Gewinn, nämlich einen spürbaren Zuwachs an Energie, Leichtigkeit, Freude und vor allem Gewahrsein im Umgang mit dir selbst und anderen.

Kontakt: Sabina Tschudi, info@bodydearmoring.ch

 

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